2.3 Der Eingang

2.3 Der Eingang

Fesurica lief vorne weg und Fennec hatte Mühe ihr zu folgen.
Der ganze Wald steckte voller Eindrücke, neuer Gerüche und unentdeckter Dinge. Es tat ihm fast leid nicht bei jedem Ding, jeder Pflanze, jeder Blume kurz stehen bleiben zu können, um es in Augenschein nehmen zu können.
Fesurica blieb abrupt stehen, Fennec hätte sie fast über den Haufen gerannt. Sie drehte sich mit einem großen Grinser zu ihm um, die riesige Polle immer noch fest umklammernd und meinte »Wir sind da.«
Fennec blickte sich um, konnte aber nichts erkennen was nach “zu Hause” aussah.
»Bevor wir rein gehen, sollte ich dir ein wenig von meiner Familie erzählen…«
Fesurica trat verlegen von einem Bein aufs andere.
»Wir sind eine typische Patchwork Großfamilie. Frag nicht wie das zustande gekommen ist. Das würde vorerst mal zu weit führen.«
Fesurica legte die Polle vorsichtig auf den Boden und ging zum nächsten Farn, zupfte einen langen Stängel herunter und band sich den um den Hals.
»Damit du mich da drin wiederfindest. Bleib bitte dicht bei mir. Unser Haus ist wirklich sehr groß und jeder Ausgang führt dich in einen anderen Wald und zum Teil in richtig gefährliche Ecken.«
Damit nahm sie die Polle wieder auf, ging zum nächsten Serverbaum und klappte ein paar Blätter beiseite. Zum Vorschein kam ein Eingang zwischen zwei Glasfaserwurzeln mit einem gepflasterten Weg, der in die Tiefe führte. Die Wände des Weges waren durchzogen von feinen Mikroglasfaserwurzeln in denen kleine Lichtblitze rhythmisch durchsausten. Kein Vergleich zu den ausgewachsenen, großen Glasfaserwurzeln die am Waldboden sich dahin schlängelten von Serverbaum zu Serverbaum.
Fennec wurde schon fast schwindlig von den ganzen Eindrücken eines Tages und der Tag schien noch nicht vorbei zu sein. Er war verwirrt, überfordert und langsam bekam er Hunger. Dennoch folgte er Fesurica in den Gang, denn die Neugier war größer. Außerdem strahlte Fesurica so viel Ruhe und Sicherheit aus, dass er sich bei ihr geborgen und gut aufgehoben fühlte. Seine Schritte wurden trotzdem langsamer und Fesurica merkte, dass er zurück viel.
»Was ist los mit dir?« Ihr Blick wirkte besorgt.
»Ich versteh das alles nicht…« Seine Stimme klang etwas zaghaft.
Fesurica blieb stehen und musterte ihn. »Sag mal, wie lange bist du in dem Wald schon unterwegs gewesen, bevor wir uns getroffen haben?«
»Ich weiß nicht. Ich bin aus der Höhle raus und da waren diese großen Browser und diese ganzen pulsierenden Blumen und diese Lichtblitze am Boden und kurz danach, … naja, da war dieser ohrenbetäubender Warnschrei, … und dann hast du, …«
Fennec konnte seine Gedanken nicht mehr sortieren. Die ganzen Reize, die Lichter, die Eindrücke. Er wusste nicht mehr wie er was einordnen sollte. Während er versuchte seine Erinnerungen zu beschreiben bemerkte Fesurica wie er in sich zusammensackte.
»Hat dir niemand irgendetwas erklärt? Warst du noch gar nicht bei Archimedes?« Fesurica riss die Augen auf.
»Bei bitte wem?« Fennec schaute sie fragend an.
»Jetzt wird mir einiges klar.« Fesurica wippte mit den Pfoten nach vorn und hinten. Sie fing an zu grinsen.
»Na da hast du jetzt an deinem ersten Tag schon eine Menge erlebt.« Sie lachte.
Fennec blickte sie verunsichert an. Er wusste nicht ob ihr lachen was Gutes verheißen sollte oder nicht.
»Weißt du was? Ich bring die Polle jetzt dorthin wo sie hingehört, dann gehen wir mal zu Archimedes, dann geb ich mein Gebiet wem anderen und zeig dir alles. Hunger wirst du wahrscheinlich auch langsam kriegen, oder?«
Fennec nickte verunsichert. Erst jetzt bemerkte er, dass eine gewisse Leichtigkeit sich in seiner Magengegend breit machte.
‘Eine andere Wahl hab ich wohl nicht und so schlecht klingt der Plan gar nicht’ dachte er bei sich und versuchte Fesurica anzulächeln.
»Gut. Na, dann komm. Es ist nicht mehr weit. Bald erhältst du Antworten.«
Damit drehte sich Fesurica wieder um und ging vor ihm her. Diesmal in einem gemütlichen Tempo. Fennec sah immer wieder Gänge abzweigen, die anscheinend in alle Richtungen gingen. Nach oben, unten, rechts, links, überall. Er selbst konnte nicht sagen ob ihr Weg nach oben oder unten führte. Er schlängelte sich dahin. Die physikalischen Kräfte schienen hier langsam, aber sicher ihre Wirkung zu verlieren. Der Gang wurde mit der Zeit breiter und so konnten sie bald nebeneinander gehen. Fesurica legte ihm ihre Pfote auf den Kopf. »Wir sind gleich da.« Sie merkte wohl das seine Beine schon etwas zittrig wahren.
Nach einer gefühlten Ewigkeit erreichten sie eine kleinere Höhle, die auf den ersten Blick sehr einladend wirkte. Fennec konnte sich ein herzhaftes Gähnen nicht mehr verkneifen. Fesurica legte die Polle behutsam an die Wand, ging an die andere Seite der Höhle und holte dort aus einer Einkerbung eine Decke. Ein paar Meter neben ihr flackerte an der Höhlenwand eine Kerze, darunter legte sie die Decke auf den Boden und blickte Fennec an.
»Du kannst dich hier hinlegen und dich ausruhen. Ich kümmer mich derweilen um die Polle, ein paar andere Dinge und bring dir was zum Essen. Du musst nicht mitkommen. Ruh dich ein wenig aus. Versprich mir aber, dass du hierbleibst. Es wird sonst schwierig dich in diesem Netzwerk wieder zu finden. OK?«
Fennec musste schon wieder gähnen bekam aber ein nicken hin und steuerte schon halb ferngesteuert die Decke an. Er drehte sich auf der Decke zweimal in die ein Richtung, zweimal in die andere Richtung um eine Mulde auszutreten bevor er sich einrollte. Die Verabschiedung von Fesurica nahm er nur noch aus der Ferne wahr.
Als Fennec das nächste Mal munter wurde, stand vor seiner Schnauze eine Schale mit Milch, die er genüsslich leerte, um danach gleich wieder einzuschlafen.

2.2 Fennec

2.2 Fennec

»Geh da nicht hin! Warte noch!« Der junge Browser gehorchte wiederwillig. Er merkte wie der Boden anfing zu vibrieren.
Die Lichter in den Glasfaserwurzeln blitzten immer noch unaufhörlich in alle Richtungen. Überall wuchsen Blumen aus den Wurzeln und fingen an zu pulsieren, doch die Tiere und Wesen, die sich vor kurzem noch andockten, waren nicht da. So pulsierten mit der Zeit immer mehr Blumen um den Jungspund.
Plötzlich spürte er ein Kribbeln um und auf seinen Pfoten, doch die Nebeldecke knapp über dem Boden war so dicht, dass er nichts erkennen konnte. Er hob vorsichtig eine Pfote und sah das gut ein duzend Ameisen dran hingen. Der unerfahrene Browser versteinerte schlagartig. Der ohrenbetäubende Lärm ließ nach, doch der Adler kreiste immer noch und beobachtete die matt leuchtende Blume. Die Ameisen machten sich sofort ans Werk, als sie die traurig wirkende Blume erreichten. Sie kappten die Blüte und öffneten sich dadurch einen Weg zu dem sporeninfizierten Datenübertragungssamen. Kaum hatten sich einige an den Samen angedockt, sauste dieser zurück Richtung Glasfaserwurzel und steuerte von dort einen der alten Serverbäume an, der wahrlich nicht mehr ganz frisch aussah. Er war fast schon zur Gänze überzogen von Malewarepilzen und Defacementmoos. Eine spürbare Vibration ging durch den Rest der Ameisen und fast gleichzeitig änderten sie ihre Richtung und steuerten den besagten Serverbaum an.
Ein paar Augenblicke später traute sich der junge Browser seine Pfoten wieder zu bewegen. Der Adler setzte zur Landung an und das Erdmännchen tauchte plötzlich wieder aus dem Nichts auf und fing an zu wittern. Es dauerte nicht lang und die merkwürdig aussehenden Wesen und Tiere tauchten wieder auf und machten sich dran die pulsierenden Blumen zu besuchen.
»Ein Neuer? Schon wieder?«, raunte der Adler und musterte den kleinen Browser von oben bis unten. Er überragte den Kleinen um ein Vielfaches.
»Wer bist du denn?«, fragte das Erdmännchen und baute sich vor ihm auf? Der kleine Browser machte sich immer kleiner. Die Situation ängstigte ihn.
»Was? ich, ich, … ähm …« der Kleine stotterte und seine Stimme zitterte. Das Nackenhaar sträubte sich und er zog den Schwanz ein.
»Arnulf ich glaub du machst dem Kleinen Angst. Hast du nichts Besseres zu tun? Willst du nicht wieder los und Krach schlagen?« fragte das Erdmännchen neckisch aber mit einer gewissen Bestimmtheit im Tonfall den großen Adler.
»Werd’ nicht frech. Du weißt, sowas wie dich muss ich nicht mal kauen.« antwortete Arnulf mürrisch und schwang sich in die Lüfte.
»Den sehen, bzw. hören wir sicher bald wieder«, kicherte das Erdmännchen. »Neuer Versuch. Wie heißt du?«.
Der kleine Browser entspannte sich etwas als er dem großen Adler Arnulf hinterher sah. Er sah das Erdmännchen an und erkannte nur Freundlichkeit und Neugier in den Augen.
»Ich weiß es nicht.« antwortete er. Das Erdmännchen wippte den Kopf hin und her. »Mmmhhh, mal sehen.« und spazierte rund um den Jungspund.
»Weißt du, ich hab hier schon einigen ihren Namen gegeben. Siehst du die Ente da vorn?« und deutete auf eine Ente, die gerade an eine Blume andockte und einen seligen Blick aufsetzte als die Blüte zum Leuchten anfing.
»Ich hab ihr den Namen DuckDuckGo gegeben und sie war damit zufrieden. Sie gibt manchmal so lustige Geräusche während dem browsen von sich und hat es danach ganz eilig zur nächsten Blüte zu kommen. Warte, gleich fängt sie an…«.
Und dann hörte er es, ein Glucksen und Gurgeln. Je angestrengter er sich auf dieses Geräusch konzentrierte desto sicherer war er sich ein »duckduckduckduck« raus zu hören und musste zum Kichern anfangen. »Oh« rief das Erdmännchen »Schau! Das siehst du hier wirklich ganz, ganz selten.« und zeigte auf ein Wesen das stark einem Eichhörnchen ähnelte.
»UC. UCCC« rief das Erdmännchen und fuchtelte wild mit den Ärmchen.
»Mmmhh. Hört mich nicht. Ist schon wieder in seinem Browsertunnel. Dem hab ich auch seinen Namen gegeben aber bitte frag mich nicht was ich mir bei der Abkürzung gedacht hab… Das war zu meiner Spamzeit. Da hab ich ein wenig zu viel davon konsumiert. War nicht gut für die Birne.« Dabei klopfte sie sich gegen die Schläfe.
»Eigentlich wohnt der ja ganz woanders. Ungewöhnlich das er hier auftaucht…« das Erdmännchen versank in Gedanken und fing an zu grübeln.
»Was war das vorher?« die Frage des jungen Browsers riss das Eichhörnchen wieder aus den Gedanken. Der Blick schweifte zum Serverbaum, der mittlerweile mit Ameisen fast überzogen war.
»Das war die Cleaningpatrollie. Siehst du?« und deutet auf den massiven Server. An manchen Stellen konnte man schon freigelegte Bereiche sehen, wo das blanke Metall zum Vorschein kam. Gesäubert und gereinigt vom Defacementmoos und den Malewarepilzen.
»Sie sind nur hier und da etwas schlampig und übersehen oft ein paar Sporen, Wurzeln oder was auch immer. Ich mach um das Zeug, wenn irgend möglich einen großen Bogen. Das bekommt keinen von uns. Das Problem ist nur, wenn sie etwas übersehen, so schnell kannst du gar nicht schauen ist der Baum wieder zugewuchert. Zweimal im Jahr, ob‘s an den Pings da oben liegt oder was auch immer, kommt ein Heuschreckenschwarm hier durch und belagern die Serverbäume regelrecht. Es ist ein richtiges Spektakel aber viele der Bäume halten dem nicht stand. Dann bricht hier meist das Chaos aus.«
Das Erdmännchen hielt abrupt inne »Jetzt weiß ich es. Fennec. Du hast Pfoten, eine spitze Schnauze, einen buschigen Schwanz, siehst niedlich aus,… Du siehst aus wie ein Fennec.« Das Erdmännchen grinste.
»Ich bin Fesurica. Pollensammlerin. Oh. Wart hier. Bin gleich wieder da.« Damit drehte sie sich um und rannte davon. Fennec sah wie eine Blume aus der Wurzel herauskam und zu pulsieren anfing. Zusätzlich zum pulsierenden Licht fingen die Blüten zum Glitzern an. Als Fesurica ankam, dockte gerade der Phoenix an. Sie kletterte den Stiel der Blüte hinauf und schlüpfte in den Stempel der Blüte. Einen kurzen Augenblick später tauchte sie eingepudert mit einem riesigen gelben etwas in den Armen wieder auf und rannte ganz aufgeregt auf Fennec zu.
»Komm mit!« rief sie fast schon außer Atem. »Ich muss das schnell Heim bringen, bevor‘s entdeckt wird.«

2.1: Der kleine Browser erblickt das Licht der Welt

2.1: Der kleine Browser erblickt das Licht der Welt

Es war einmal ein kleiner Browser. Das Licht der Welt erblickte er in einem kleinen Erdbau tief im Netzwerkjungel. Von Beginn an auf sich selbst gestellt und getrieben durch seine Neugier fing er an seine Umgebung zu erkunden. Unter dem dichten Nebel spürte er die dicken Glasfaserwurzeln der Serverbäume die sich am Waldboden dahin rankten. Die Datenübertragungssamen blitzten durch die Kabeln und erhellten kurz seine Umgebung in verschiedensten Farben, wenn sie an ihm vorbei rauschten. Die Serverbäume ragten wie mittelalterliche, bedrohliche Statuen vor ihm auf, zum Teil schon überzogen und überwuchert von giftigen Defacementmoos und Malewarepilzen. Andere Serverbäume glänzten in einem anziehenden, metallischen Look, doch auch sie waren vor dem Moos und den Pilzen nicht gefeit.
Die Sporen der Malewarepilze hatten eine gänzlich unangenehme Angewohnheit. Wenn der Pilz seine Sporen freisetzte, nutzen sie zur Verbreitung die Glasfaserwurzeln. Betroffene Datenübertragungssamen blitzten dann nicht klar und hell an den jungen Browser vorbei, sondern wirkten irgendwie ein wenig matt, träge und antriebslos. Die Wege dieser Datenblitze waren unterschiedlich. Manche flitzen direkt zum nächsten Serverbaum, manche blieben plötzlich mitten drinstehen und bildeten eine Blume direkt aus der Glasfaserwurzel. Diese Blume fing an zu pulsieren bis eines der vielen, sehr geschäftig hin und her flitzenden Bewohner kamen und sich an der Blume andockten. Bei kontakt leuchtete die Blume hell auf und erstrahlte in den faszinierendsten Farben. Der kleine Neuankömmling sah hier eine Ente, dort einen Kiwi und bei der dritten Blume löste sich gerade ein Phoenix und schwang sich davon.
Der Serverwald war teilweise hell erleuchtet von blinkenden und blitzenden Datensamen, die durch die Glasfaserwurzeln sausten sowie von pulsierenden und hell strahlenden Blumen. Es war eine einzige Farbenexplosion.
Blumen die aus sporeninfizierten Datenblitze heraus sprießten leuchteten jedoch bei weitem nicht so klar und hell und der kleine, unerfahrene und junge Browser bildete sich ein, das bei Kontakt mit den, ja, wie sollte er sie nennen,… Sie stöberten herum, grasten den Waldboden nach Blumen ab, also nannte er sie Browser, denn er wusste ja noch nicht, das er eigentlich auch einer war. Er glaubte zu sehen, dass manche diese Browser, die sich an infizierte Blumen andockten, einen Parasiten aufnahmen. Er war sich aber nicht sicher, als er plötzlich über sich einen Schatten dahingleiten sah. Er blickte auf und der Schrecken fuhr in durch Mark und Bein. Ein Adler steuerte im Sturzflug auf eine gerade erblühte sporeninfizierte Blume zu, kreiste über ihr und gab einen ohrenbetäubenden Lärm von sich. Alle Browser in der Umgebung suchten das Weite. Der kleine Neuling war jedoch neugierig geworden und schleichte sich, dicht am Boden haltend, in die Nähe der Blume. Kurz bevor er sie erreichte, wurde er am Schwanz gezogen. Als er sich erschrocken umblickte, sah er ein kleines Erdmännchen mit Entsetzen in den Augen, dass energisch den Kopf schüttelte.